Kanner Autist

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 Frühkindlicher Autismus- Kanner Autismus

Wie viele Menschen von Autismus betroffen sind, lässt sich schwer sagen. Für die USA schätzt das Center for Disease Control (CDC), dass einer von 110 Achtjährigen an einer autistischen Störung leidet. In den letzten Jahren war ein deutlicher Anstieg zu beobachten, der sich nicht genau erklären lässt. Eine Rolle spielt sicher, dass das Autismus-Spektrum erweitert wurde und Eltern oder Pädagogen früher auf Verhaltensauffälligkeiten reagieren.

Im deutschsprachigen Raum werden grundsätzlich drei verschiedene Autismus-Kategorien unterschieden:

  • Die Hauptform ist der frühkindliche (infantile) Autismus oder Kanner-Syndrom, benannt nach dem amerikanischen Psychiater Leo Kanner (1894-1981). Er beschrieb das Syndrom 1943 das erste Mal. Diese Form von Autismus tritt schon im Säuglingsalter auf.
  • Das Asperger-Syndrom ist eine mildere Variante von Autismus und wird meist erst im Kindergarten- und Grundschulalter erkannt. Immer häufiger werden Erwachsene Menschen als Asperger Autisten diagnostiziert, da es in früheren Jahren nicht die Möglichkeiten gab, deren Auffälligkeiten zu bestimmen.
  • Der atypische Autismus unterscheidet sich darin, dass er sich erst ab dem 3. Lebensjahr manifestiert oder nicht alle Symptome vom frühkindlichen Autismus aufweist.

Zum autistischen Formenkreis zählen auch noch das Rett-Syndrom, von dem ausschließlich Mädchen betroffen sind, und das Heller-Syndrom (desintegrative Psychose des Kindesalters). Sie zeigen eine ähnliche Symptomatik wie Autismus, aber einen anderen Verlauf. Für das Rett-Syndrom konnte der verantwortliche Gendefekt gefunden werden und so gibt es einen Gentest zur Diagnosefindung.

Symptome für frühkindlichen Autismus

Das durchschnittliche Alter, in dem frühkindlicher Autismus diagnostiziert wird, liegt bei etwa drei Jahren. In vielen Fällen werden Eltern rund um den zweiten Geburtstag durch eine verzögerte Sprachentwicklung auf mögliche Probleme aufmerksam. Symptome können schon früher bestehen, aber zu undeutlich ausgeprägt sein. Ein weiteres Zeichen ist Regression, bei der Kleinkinder schon Erlerntes wie Sprechen, Spielen und soziale Fähigkeiten wieder ablegen. Regression tritt oft zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag auf. Das National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) identifiziert als Warnzeichen, wenn das Kind:

  • bis zum 12. Monat nicht brabbelt oder plappert,
  • bis zum 12. Monat nicht gestikuliert (zeigt, winkt, greift etc.),
  • bis zum 16. Monat keine einzelnen Wörter spricht,
  • bis zum 24. Monat von sich aus keine Zwei-Wort-Phrasen formt (nicht nur Nachplappern),
  • und bereits erlernte Sprachfähigkeiten oder soziale Fähigkeiten verliert.

 

Eingeschränkte soziale Interaktion

Frühkindlicher Autismus kann sich schon im Mutter-Kind-Verhältnis zeigen, wenn Babys keine körperliche Nähe zur Mutter suchen oder die Brust verweigern. Sie meiden Augenkontakt und lächeln nicht zurück. In weiterer Folge sind autistische Kinder nicht an Freundschaften interessiert und auch nicht an Spielen, die mehrere Mitspieler involvieren. Da sie ihrem Wesen nach scheu sind, spielen sie lieber allein und bevorzugen rituelles statt fantasievolles Spielen. Sie imitieren keine anderen Kinder und behandeln andere Personen wie Objekte. Sie sind lieber allein und zeigen ihre Sympathie nicht.

Probleme bei der Kommunikation

Kommunikationsprobleme sind typisch für autistische Personen und können von leicht bis schwer reichen. Manche Autisten können keine Unterhaltung beginnen oder aufrechterhalten und kommunzieren lieber mit Hilfe von Gesten als Wörtern. Die Sprache wird nur langsam oder gar nicht erlernt. Jedes zweite Kind mit frühkindlichem Autismus entwickelt gar keine Lautsprache. Ein typisches Merkmal ist das Wiederholen von Wörtern und Sätzen (Echolalie) oder ganzer Passagen, die zum Beispiel im Fernsehen aufgeschnappt wurden. Zu den weiteren Symptomen gehören unsinniges Reimen und Wortneuschöpfungen. Autisten reden über sich selbst oft in der zweiten (du) oder dritten (er, sie, es) Person und vermeiden die Bezeichnung „ich“.

Typische Verhaltensweisen

Typisch für autistische Kinder sind heftige Wutausbrüche und eine verringerte Aufmerksamkeitsspanne. Ausnahmen stellen ganz bestimmte Themen oder Tätigkeiten dar, die Autisten scheinbar ohne Ende interessieren und zwanghaft wiederholt werden müssen (Oberkörper schaukeln, kratzen, Kopf bewegen, Finger verdrehen etc.). Oft zeigt sich eine Objektbezogenheit, bei der Autisten von bestimmten Dingen magisch angezogen werden. Autisten können sich sowohl überaktiv als auch passiv verhalten und sind mitunter agressiv gegenüber sich selbst und anderen.

Reaktion auf Sinnesreize

Während manche Autisten auf lauten Lärm und andere Sinneseindrücke wie Hören, Riechen, Berühren überhaupt nicht reagieren, bestehen bei anderen Fällen Überempfindlichkeiten. So halten sich manche Autisten schon bei normaler Lautstärke die Ohren zu oder empfinden körperlichen Kontakt als unerträglich. Manchmal wird entweder kaum oder übermäßig auf Schmerz reagiert.

Routine ein und alles

Autisten reagieren auf Veränderungen in ihrer gewohnten Umgebung und Routine ängstlich und aggressiv. Erst der Rhythmus von bestimmten Handlungen, die immer gleich ausgeführt werden müssen, gibt ihnen Halt. Diese Routine kann sich auf scheinbar kleine Details im Lebensalltag beziehen, wie etwa das Mittagessen, das jeden Tag zur gleichen Uhrzeit auf dem Tisch stehen muss. Läuft etwas im wahrsten Sinne des Wortes nicht nach Plan, bringt sie das aus dem Konzept, da sie keine Alternativen sehen.